Zwei Wochen lang wurde an der historischen Wehrmauer von Stift Rein gearbeitet, gelernt und gemeinsam angepackt. Zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus aller Welt setzten sich im Rahmen eines European Heritage Training Course mit traditionellen Techniken des Natursteinmauerns auseinander – und halfen gleichzeitig dabei, einen gefährdeten Abschnitt der jahrhundertealten Stiftsmauer zu sichern.
Die Wehrmauer von Stift Rein stammt aus dem 15. Jahrhundert. Über die Jahrhunderte haben Witterung und Alter ihre Spuren hinterlassen: Steine lösten sich, Mauerbereiche wurden instabil und mussten gesichert werden. Bei einem besonders stark geschädigten Teilstück bestand zudem die Gefahr, dass der darüberliegende Weg abrutschen könnte.
Natursteinmauern mit traditionellen Materialien
Unter fachlicher Anleitung lernten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wie historisches Natursteinmauerwerk fachgerecht instand gesetzt wird. Schadhafte und lose Bereiche wurden zunächst vorsichtig abgetragen. Verwendbare Originalsteine wurden gesichert und anschließend wieder in den Mauerverband eingebaut.
Eine zentrale Rolle spielte dabei Kalkmörtel. Auch das heute nur noch selten vermittelte Kalklöschen gehörte zum Programm: Branntkalk wird mit Wasser versetzt, wobei durch eine chemische Reaktion große Hitze entsteht. Der gelöschte Kalk wird anschließend gelagert und bildet die Grundlage für einen Mörtel, der für historisches Mauerwerk geeignet ist.
Für die Arbeiten waren beträchtliche Materialmengen notwendig. Rund 1.600 Kilogramm ungelöschter Brandkalk und 22 Tonnen Sand mussten vom Tal zur alten Mauer transportiert werden. Franz Wuthe, Freund und Förderer des Vereins Reiner Handwerk, unterstützte die Arbeiten mit Maschinen und drei Arbeitskräften. Parallel zum Kurs sicherte er das besonders gefährdete Mauerstück und zog es bis über die Wegoberkante hoch.
Zwölf Freiwillige aus aller Welt in Rein
Die zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus den USA, Mexiko, Australien, Taiwan, Bosnien-Herzegowina, Rumänien, Spanien, Estland, Finnland, Irland, Großbritannien und Deutschland. Während ihres zweiwöchigen Aufenthalts wohnten sie im Stift Rein.
Gemeinsam mit den European Heritage Volunteers verband das Projekt praktische Denkmalpflege mit der Vermittlung traditionellen Handwerks. Die Arbeit an der Stiftsmauer wurde damit selbst zum Lernort: Das Wissen über historische Baustoffe und Techniken wurde nicht nur theoretisch vermittelt, sondern unmittelbar am jahrhundertealten Bestand angewendet.
Mehr als Arbeit an der Mauer
Das Programm führte die internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch über die Baustelle hinaus. Exkursionen gingen unter anderem zur Wallfahrtskirche Maria Straßengel, zum Prälatenhaus am Straßengler Kirchberg, zu einem rund 380 Jahre alten Wohnhaus und zur Villa Popp in Gratwein.
Hinzu kamen Werkzeugkunde zu historischen Arbeitsweisen, ein Tag zum Kalklöschen sowie Fachvorträge: Gerhard Rottenmanner beschäftigte sich mit als Baumaterial geeigneten Gesteinen und ihren Fundorten, MSt. Christian Ofner mit Farberden und Barbara Fiedler mit der Sgraffito-Technik, die anschließend auch praktisch erprobt wurde.
Kulturerbe erhalten und Wissen weitergeben
Das Projekt zeigt, wie sich der Erhalt historischer Bausubstanz mit der Weitergabe handwerklichen Wissens verbinden lässt. An der Wehrmauer von Stift Rein wurde nicht einfach altes Mauerwerk ersetzt. Originalsteine wurden soweit möglich wiederverwendet, traditionelle Materialien eingesetzt und Techniken vermittelt, die für den behutsamen Umgang mit historischer Bausubstanz wesentlich sind.
So wurde in zwei Wochen nicht nur ein weiterer Abschnitt der historischen Wehrmauer gesichert. Gleichzeitig wurde Wissen weitergegeben, das notwendig ist, damit solche steinernen Zeugnisse auch für kommende Generationen erhalten werden können.
Vergelt’s Gott nicht nur den fleißigen Freiwilligen, sondern auch dem Reiner Handwerk und besonders Peter Meder, der neben der fachmännischen Betreuung der Projekts auch selbst mit Hand anlegte.
(Fotos: Reiner Handwerk/Andreas Braunendal, Stift Rein)