ORF Morgengedanken von P. August Janisch

Den Kindern Gott nicht vorenthalten
In unserer Basilika Rein treffe ich eine Mutter mit ihrem 8jährigen Paul. Die Mutter erzählt und erklärt ihrem Kind die in frischen Farben leuchtenden Bilder. Es handelt sich dabei um biblische Geschichten.
Zuerst beobachte ich sie und dann gehe ich auf sie zu und erzähle noch einiges von unserer Kirche und unserem Kloster. Plötzlich fragt mich dann der Bub: weißt du, was mein liebster Gegenstand in der Schule ist? Ich antworte ihm vielleicht Turnen oder Schreiben? Spontan schoss es aus ihm heraus: Religion. Was für eine begeisterungsfähige Religionslehrerin er wohl haben muss, war mein Gedanke. Wahrscheinlich hat ihm aber auch seine Familie – nicht  nur die Mutter – wirklich weitergeben können, was sie selber im Glauben hält. Viele tun sich aus verschiedenen Gründen heute schwer damit. Aber Kinder sind noch ganz nahe bei Gott und wir Erwachsene dürfen ihnen Gott nicht vorenthalten. Wo das gelingt ist auch ein Mönch von so einer frischen Antwort beschämt.

Nach uns die Sintflut?
Ich wandere gern durch unseren Stiftswald. Bei der Gelegenheit nehme ich oft die Plastikflaschen und Aludosen, die am Straßenrand weggeworfen wurden in meine Hand und mit nach Hause. Es ist nur ein kleines Zeichen zu dem ich fähig bin und wird nicht ausreichen um gutzumachen, was andere der Natur schaden.
Nach uns die Sintflut heißt es in den Schriften des Alten Testaments in der Geschichte von Noe: Die Welt hatte sich von Gott abgewandt und Gott hat diese Welt in der Sintflut untergehen lassen. Und heute? Gehen wir heute Gott wohlgefällig mit der Welt um? Oder ist das Maß der Zerstörung schon so weit, dass eine neue Katastrophe unausweichlich ist? Konferenzen mit unendlichem Aufwand gab es und wird es noch geben. Aber vielleicht ahnen die Menschen auch schon, dass Gott am Ende nicht nur nach dem Glauben schauen wird, sondern auch wie solidarisch oder zerstörerisch wir an seiner wunderbaren Schöpfung gehandelt haben. Die Welt und alles in ihr ist ein wunderbares Geschenk Gottes für uns für das wir dankbar sein und mit dem wir sorgfältig umgehen müssen.

Kinder brauchen ein bergendes Nest
Im Jänner ist in den alten Kalendern Vogelhochzeit angemerkt. Es wird wieder Nachwuchs geben.
Und ich sehe schon die kleinen fast nackten Geschöpfe, die sich da ins Nest hineinducken und dann die Schnaberl aufreißen, wenn die Alten anfliegen mit dem lebensnotwendigen Futter. Und wie die Alten auch die Jungen schützen vor möglichen Feinden. Wenn so ein Vogerl aber aus dem Nest fällt oder gar von den Alten aus dem Nest geworfen würde? Und wenn es sich die Flügel verletzt? Wird es je fliegen können? So ein Vogerl, das nicht fliegen kann, hat wohl keine Chance zum Überleben.
Auch Menschenkinder fallen heutzutage oft aus dem Nest - durch Scheidung der Eltern, durch Gewalt oder Verführung oder andere schlimme Dinge. Ein Kind, das nicht den Schutz erfährt, den es von den Eltern oder Erwachsenen braucht, wird sich nie unbeschwert und gut entwickeln können. Kinder brauchen nicht nur ein gesundes Essen sondern mindestens auch ein gutes und bergendes Nest. Die Welt wird für sie sonst sehr rau und brutal sein und manche werden wohl mit verstümmelter Seele  durchs Leben gehen.

Verbogene Kinderseelen
In unserer Basilika Rein gab es die Ausstellung VERBORGEN, wobei das R in diesem Wort in Klammer gesetzt war und auch als VERBOGEN gelesen werden konnte. Der Künstler Oskar Stocker hat in100e Seiten Gerichtsakten aus Deutschland Einsicht bekommen. Ohne die Namen oder die Fotos dieser Kinder zu kennen hat er aus seinem Herzen heraus Kinderporträts gemalt. Er hat den oft stillen Schrei dieser Kinder den Besuchern bewusst gemacht. Missbrauchte und gewaltsam VERBOGENE Kinderaugen blickten auf die Besucher. „Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“. Als Priester ist mir für die Predigten und Stiftsführungen nicht nur diese Bibelstelle eingefallen.
Auf Facebook hat mir eine Frau geschrieben: „Ich habe auch durch eine schreckliche Kindheit gehen und durch viele Jahre in der Psychiatrie vieles aufarbeiten müssen, dass es mir mit 51 Jahren wieder gut geht. Habe alles mitgemacht: Traumatisierung, Gewalt, Schläge, Missbrauch in der Kindheit. Danke, dass diese Probleme in einer Kirche thematisiert werden“.

Wirf deine Sorgen auf den Herrn. 1 Petrus 5,7
Es gibt Sätze, die man irgendwo und irgendwann gelesen hat und die man sich merkt. Ein so ein wichtiges Wort für mein Leben stand vor 60 Jahren im großen Schlafraum des Bischöflichen Seminars in Graz zu lesen, wo ich vom 11. bis zum 19. Lebensjahr diese wichtige Zeit meiner Kindheit und Jugend verbrachte: „Wirf deine Sorgen auf den Herrn, denn er sorgt für dich“. Was damals im Kopf eines Pubertierenden vor sich ging ist wohl etwas ganz anderes als ich heute erlebe und brauche. Aber immer wieder darf ich mir auch heute sagen – du kannst nicht alles, du brauchst nicht alles können – wirf deine Sorgen auf den Herrn, er sorgt für dich.
Und es stimmt. Gott ist an meiner Seite und er hilft mir tragen – auch wenn er mir nicht die ganze Last abnimmt. Leichter wurde es immer. Ist das nicht wunderbar, wenn ich ein Leben lang Gott ganz nah an meiner Seite wissen darf?
Gute Worte sind wie ein Geländer, an dem man sich anhält – und je älter ich werde, desto wichtiger sind solche Geländer für mich.

 „Gott ist im Leben jedes Menschen“ Papst Franziskus
Papst Franziskus setzt neue, wohltuende Akzente in der katholischen Kirche. Die einfachen Worte und Zeichen sind stimmig und werden von den Menschen verstanden. „Er hat die sakrale Welt des Vatikan auf den Boden heruntergeholt“ meint der Kapuzinergeneral Mauro Jöhri. Er will eine Kirche, die sich die Hände schmutzig macht und wirklich bei den Armen ist.
Beim Papstbesuch in Assisi hat der Papst den Franziskanern eine Lektion erteilt, als er in einer Caritas-Suppenküche statt wie üblich bei den Ordensbrüdern zu Mittag gegessen hat.
In Rio de Janeiro, vor über einer Million junger Menschen, sagte der Papst: „Es gibt die Versuchung, Gott in der Vergangenheit zu suchen. Gott ist sicher in der Vergangenheit, denn man findet ihn in Abdrücken, die er hinterlassen hat – aber ‚der konkrete Gott‘ ist heute. Ich habe eine Sicherheit: Gott ist im Leben jeder Person. Gott ist im Leben jedes Menschen – auch wenn das Leben eines Menschen eine Katastrophe war“.
Wie sagte unlängst eine Frau zu mir: Nun ist es wieder schön zur katholischen Kirche zu gehören.

Gott liebt alle Menschen
Heute vor einem Monat haben wir Weihnachten gefeiert. Die Christbäume sind verschwunden, das Kripperl ist eingepackt. Was bleibt vom Mysterium Weihnachten? Es ist wohl ein fein verschnürtes Geschenk, das immer noch wartet neu aufgemacht zu werden. Oft wird ein Geschenk nur oberflächlich angeschaut und dann erst einmal liegen gelassen. Dieses Geschenk ist es wert wieder hervor geholt und neu betrachtet zu werden.
Für mich bleibt es unfassbar, dass Gott der Schöpfer des Universums gerade unsere Erde ausersehen hat und in Jesus Menschengestalt annahm. Für mich bleibt es ein stilles dankbares Staunen, dass Jesus so der Bruder aller Menschen aller Zeiten genannt werden darf.
Für mich legt sich ein beruhigendes Wissen um die Seele, dass Gott mich kennt, mich hält und auch mich liebt.
Ich möchte allen Zuhörern sagen – Gott liebt sie, jeden von uns, ob sie mit der Kirche leben oder ohne die Kirche. Weihnachten ist ein Geschenk an alle Welt.

Morgengedanken von Pater August Janisch in den ORF Regionalradios (19. - 25. Jänner 2014)